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„Es war eine spontane Revolution“

Robert Krieg im Gespräch mit dem syrischen Filmemacher Nabil Maleh

GWR: Mein Eindruck ist, dass ein wichtiger Grund für den Konflikt der Unterschied zwischen der städtischen und der bäuerlichen Kultur ist. Würdest Du dem zustimmen?

Nabil Maleh: Der Unterschied ist offensichtlich, aber die unterschwellige Strömung der Mittelklasse, der Intellektuellen und der politischen Vertreter der Linken, die sich aus der Politik zurückgezogen hatten, war bedeutsam für die Entstehung der gegenwärtigen Auseinandersetzung. Während der vierzigjährigen Herrschaft des Baath Regimes fanden wir alle Elemente einer faschistischen Herrschaft vor: Sie zimmerte sich 1974 eine passende Verfassung zurecht, um der Baath Partei das absolute und alleinige Recht zu geben, den Staat und die Gesellschaft zu führen (Artikel 8 der Verfassung).

Das Regime nutzte den historischen Konflikt zwischen der ländlichen und städtischen Bevölkerung für sich. Nach und nach dominierten die Alawiten Schlüsselpositionen in Syrien, vor allem in der Armee und in den Geheimdiensten. Die Unterdrückung nahm zu, während sich gleichzeitig Korruption und Propaganda-Lügen uferlos ausbreiteten. Es gab nicht wirklich eine aktive Opposition in den ländlichen Gebieten, sondern nur Unzufriedenheit, die keine wirklich politische Dimension hatte. Die Gefängnisse waren immer darauf vorbereitet, jede Art von unterschiedlicher Meinung "willkommen zu heißen". Das tägliche Leben war bedroht durch Entlassung und Beleidigung. Das Regime hatte alle Fäden in der Hand. 1982 das Massaker von Hama mit dreißigtausend Opfern schuf die Basis für das zukünftige Verhältnis von Regime und Gesellschaft.

2000 begann der Frühling von Damaskus (nebenbei bemerkt, er entstand in meinem Haus, ich hatte dazu eingeladen, und wir gründeten die Komitees für die Wiederbelebung der Zivilen Gesellschaft). Die wichtigsten politischen Aktivisten waren beteiligt, und die Bewegung erfasste das gesamte Syrien. 2001 wurde sie zerschlagen. Das war eine urbane Bewegung, die auch die ländlichen Sektoren der Gesellschaft anzog, allerdings ohne tieferes Verständnis darüber, wie der nächste Schritt aussehen sollte. Nur das Regime kannte den nächsten Schritt ... das Gefängnis.

GWR: Viele Monate lang war der Aufstand nahezu hundertprozentig gewaltfrei. Wie kam es zu dem Wendepunkt?

Nabil Maleh: Von Anfang an (März 2011) gab das Regime nicht das geringste Anzeichen, zu irgendeinem Dialog bereit zu sein. Es antwortete mit der üblichen Praxis, jeden möglichen Oppositionellen zu verhaften, zu ohrfeigen, zu beleidigen, aus öffentlichen Ämtern herauszuwerfen usw.

Es war die gleiche Methode, die seit über vierzig Jahren praktiziert wurde und auch jetzt zur Anwendung kam.

Aber dann gab es einen Zeitpunkt, um einen nationalen Dialog zu starten. Die Opposition wünschte sich den Beginn eines nationalen Dialogs, um jedes weitere Blutvergießen und heftige Konfrontation zu vermeiden. Am 8. April 2011, als es noch möglich war, alles unter Kontrolle zu behalten, besuchte ich Dr. Buthaina Shaaban im Präsidenten-Palast. Sie ist die persönliche Beraterin des Präsidenten und hat ihr Büro direkt neben seinem. Sie begrüßte mich und ich schlug ihr vor, einen Satelliten-Kanal unter dem Namen "Nationaler Dialog" zu gründen. Sie reagierte enthusiastisch und bereitwillig. Sie bat mich, das Projekt so schnell wie möglich vorzubereiten. Außerdem bat sie mich, eine halbe Stunde auf sie zu warten, um beim Präsidenten grünes Licht zu bekommen. Nun, sie bekam grünes Licht und forderte mich auf, das Projekt innerhalb von 48 Stunden vorzustellen. Ich tat mein Bestes, um es zu Papier zu bringen und rief gleichzeitig alle meine Freunde in der Opposition in verschiedenen Städten an und erzählte ihnen von dem Fernsehkanal. Alle reagierten positiv und begeistert und waren bereit, zu helfen und mitzumachen. Gut, am 14. April schickte ich ihr per Mail das Projekt, seine Konzeption und Logistik (alles ist dokumentiert). Darauf bekam ich keine Antwort mehr. Die Ermordung des Kindes Hamza Khatib in Daraa löste eine neue Phase des Aufstandes aus, und die friedlichen Demonstrationen wurden brutal angegriffen. Die Flut der Toten schwoll an ohne Anzeichen einer bewaffneten Opposition.

Es dauerte noch einmal drei Monate (bis Juli), bis das Regime einen Nationalen Dialog vorschlug und die Intellektuellen und die Opposition dazu einlud. Aber es war zu spät, denn die Mordrate war hoch, und niemand mehr wollte den Dialog mit einem Mörder. Die wichtigsten Vertreter der Opposition sagten ab. Das Regime hatte zahlreiche Gelegenheiten, die Dinge in eine friedliche Bahn zu lenken, aber sie kannten nur eine Sprache, die brutale Unterdrückung der Demonstrationen, die die Desertion zahlreicher Offiziere und Soldaten zur Folge hatte, ... und nun kannst Du dir das blutige Theater anschauen.

GWR: Stimmst Du überein mit den Verlautbarungen einiger deutscher (linker) Intellektueller, dass der Aufstand illegitim ist und niemals hätte passieren dürfen, da die Katastrophe vorhersehbar war?

Nabil Maleh: Es gab keinen anderen Weg als die Revolution. Die friedlichen Demonstranten waren junge, desillusionierte, unterdrückte Individuen mit keinem politischen Hintergrund (es gab kein politisches Leben in Syrien außer der Rhetorik der Baath Partei). Es war eine spontane Revolution, sogar als sie anfing, wussten die Leute nicht, dass es sich um eine Revolution handelte. Die Demonstranten riefen lediglich "Ja zur Freiheit und Nein zu Demütigung" . Wenn das Regime am Anfang weiser gehandelt hätte, wäre diese ganze Gewalt vermeidbar gewesen.

Interview: Robert Krieg

Aus: graswurzelrevolution 372, Juni 2012.
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