Startseite – Texte –

Die Stimme Palästinas

Der Aufbau eines unabhängigen palästinensischen Rundfunkwesens wird von Robert Krieg beschrieben. Er läßt die explosive Atmosphäre, die so ein Unterfangen mit sich bringt, in seinem Beitrag lebendig werden. Im "Minenfeld" der spannungsreichen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern und der sich z. T. bekämpfenden unterschiedlichen palästinensischen Interessensgruppen entstehen große Probleme bei der Etablierung eines freien palästinensischen Rundfunksenders. Die Chance einer umfassenden und unabhängigen Berichterstattung als Inforrnationsmedium für einen Großteil der palästinensischen Bevölkerung wird nicht von allen beteiligten Akteuren als solche erkannt bzw. gewollt.

Beim Durchstreifen Alt-Jerusalems erkennt der geübte Blick an vielen kleinen Details, ob man sich gerade im muslimischen, jüdischen oder christlichen Teil der Stadt befindet. Doch diese äußeren Zeichen haben kaum Gewicht gegenüber den unsichtbaren Grenzen, die sich durch die Köpfe und Herzen der Palästinenser und Israelis ziehen und den kleinsten Schritt aufeinander zu in eine schwere Belastungsprobe verwandeln. In der Habad-Straße treffen die muslimischen, jüdischen und christlichen Stadtteile direkt aufeinander. Die Fenster der kleinen Wohnung im ersten Stock des Hauses Habad Str. 11 gehen auf einen Innenhof, der von religiösen Juden, die überwiegend aus den USA stammen, bewohnt wird. Der Dachgarten der Wohnung grenzt unmittelbar an die Zimmer des palästinensischen Nachbarn, der in seiner Freizeit Brieftauben züchtet, und der Gemischtwarenladen gegenüber gehört christlichen Armeniern. Die Kunden sind Araber, Juden, Christen, Orthodoxe, Weltbürger. Vom Dach aus sieht man in unmittelbarer Nähe die Türme der evangelischen Erlöserkirche, und etwas weiter unterhalb glänzt die Kuppel des Felsendoms in der Sonne.

Mehrere Jahre lang wurde von dieser Wohnung aus ein Ausbildungsprogramm für Palästinenser koordiniert, das in der Errichtung von Voice of Palestine, der ersten palästinensischen Rundfunkstation auf palästinensischem Boden, mündete. Die Wahl dieser Wohnung erfolgte auch aus dem Bewußtsein heraus, Grenzgänger zu sein zwischen den Israelis und Palästinensern und ihren unterschiedlichen Kulturen, von denen man sich gleichermaßen angezogen fühlt. Auf der palästinensischen Seite entwicklungspolitisch aktiv zu werden, war keine einseitige Parteinahme für die arabische Position im Nahostkonflikt, sondern aus der Überzeugung geboren, daß es ohne die Unterstützung und Förderung von demokratischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen keinen langfristig tragfähigen Frieden im Nahen Osten geben wird. Dazu gehören auch unabhängige Massenmedien, die den politischen und sozialen Entwicklungsprozeß kritisch mitverfolgen und als öffentliche und jedermann zugängliche Plattform die gesellschaftliche Diskussion und Auseinandersetzung um die Gestaltung der Zukunft vorantreiben.

Trotz des Vorhandenseins einer demokratisch gesinnten und westlich orientierten Führungsschicht in den besetzten Gebieten zog es die politische Elite Israels im stillschweigenden Einverständnis mit den USA und Europa vor, die Exil-PLO und deren Gallionsfigur Arafat zu ihrem Verhandlungspartner zu machen. Uri Avnery, der bekannteste Vertreter der israelischen Friedensbewegung, wies darauf hin, daß eine Befreiungsbewegung sui generis nicht demokratisch funktionieren kann – das lassen die hierarchischen Strukturen einer militärischen Organisation nicht zu. Es stellt sich die Frage, inwieweit überhaupt ein echtes Interesse am Entstehen einer palästinensischen Demokratie besteht, die Vorbildcharakter für den gesamten arabischen Raum haben könnte. Oder gilt nicht vielmehr trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse der alte Grundsatz: mit einer autoritären Staatsführung verhandelt es sich besser zugunsten der eigenen Interessen als mit einer lebendigen Demokratie, die Bedingungen stellt und sich nicht mit der Garantie persönlicher Machtansprüche zufrieden gibt?

Während der Intifada entstand die Idee, eine palästinensische Rundfunkanstalt, die Palestinian Broadcasting Corporation (PBC), zu gründen. Auf öffentlich-rechtlicher Grundlage sollte ein unabhängiger Sender aufgebaut werden, der die Interessen der Menschen in den palästinensischen Gebieten vertritt. Das wäre ein Novum in der arabischen Rundfunkwelt gewesen. Mit der Installierung der Palestinian National Authority (PNA) in Gaza-Stadt, die fortan der einzige Ansprechpartner bilateraler Verhandlungen war, wurde den Initiatoren der PBC stückweise die Legitimation und ökonomische Grundlage entzogen, und der Sender degenerierte zum Sprachrohr der neuen/alten PLO-Nomenklatura. Inzwischen haben die fortschrittlichen Kräfte der palästinensischen Gesellschaft ihre Konsequenzen daraus gezogen und zahlreiche kleine unabhängige Radio- und Fernsehstationen mit begrenzter regionaler Reichweite gegründet. Möglicherweise liegt hier die Chance für eine Erneuerung.

In der entwicklungspolitischen Arbeit vor Ort erweist sich die Fähigkeit, relativieren zu können und die eigenen Maßstäbe zur Disposition zu stellen, ohne indes orientierungslos zu werden, als wichtig. Das bedeutet, sich einlassen zu können auf die vorgefundenen Verhältnisse. Daß dieser Prozeß mühsam ist und nicht bruchlos verläuft, davon handelt der nachfolgende Bericht aus dem Jahr 1994:

Samstag, 5.11.1994

Nach meiner Rückkehr aus Deutschland muß ich feststellen, daß Voice of Palestine (VoP) inzwischen nach einem festen Wochenprogrammschema sendet, das unsere beiden Trainer Martha und Bashar[1] bisher nicht zu Gesicht bekommen haben und das schon gar nicht mit ihnen abgestimmt wurde. Ich fahre also nach Jericho und setze eine grimmige Miene auf. Gefragt wie es mir geht, antworte ich "Schlecht, ich bin sehr unzufrieden." Das macht flügelschnell die Runde im Haus, und alle fragen mich besorgt, was denn los wäre. Ich beschwere mich bei Basim[2] darüber, daß uns durch Informationsmangel das Leben schwer gemacht würde. Ich sage, daß vor allem die Arbeit von Martha bei der Entwicklung eines täglichen Radio-Vollprogramms stark beeinträchtigt wäre und wir in der kommenden Woche, der letzten Arbeitswoche von Martha, noch einmal eine gemeinsame Kraftanstrengung machen müßten. Alle nicken sorgenvoll mit dem Kopf und sind sehr bedrückt, daß Martha nur noch eine Woche in Jericho vor sich hat. Ich bekomme nahezu widerstandslos freie Hand, und Basim verspricht, daß Trainees und Studio unserem Unterricht zur Verfügung stehen werden.

Bassam[3] zieht mich zur Seite. Es ist die Stunde der Klagemauer. Nun dürfen alle mal jammern. Mit vielen Beispielen erzählt er mir, wie die Techniker von den Journalisten an den Rand des Wahnsinns getrieben werden, wie schwer der Hochmut letzterer zu ertragen wäre, und daß man bald die Lust verlieren könnte. Hadya habe kürzlich völlig gerechtfertigt die Grammatik eines Journalismus-Adepten korrigiert, der daraufhin in einen Wutanfall ausbrach und Hadya beschimpfte, sie solle ihre Finger an den Reglem lassen und sich als Technikerin nicht an den Texten der Journalisten und Ansager (besser: Aufsager) vergreifen. Ghada, die im Musik-Archiv arbeitet, das diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient, gibt einige beleidigende Auftritte von Mustafa zum besten. Er kaschiert seine mangelnde Kompetenz als Hauptverantwortlicher für die Musik, indem er, kaum daß er das Archiv betritt, loszubrüllen beginnt und alle Anwesenden zu debilen Analphabeten erklärt. Das Unangenehme für ihn ist nun, daß Ghada nicht kuscht, sondern Widerworte gibt, wo sie im Recht ist. Mittlerweile versucht er massiv, sie aus VoP rauszudrängen – doch da werden wir ein Wörtchen mitreden, sie ist nämlich eine der fähigsten Newcomer unter den Journalisten. Sie hatte – ein kleines Beispiel seiner Unfähigkeit – von ihm den Auftrag, die genaue Länge der einzelnen Musikstücke zu notieren. Sie sollte dies im schnellen Vorlauf tun, um keine Zeit zu verlieren. Sie dagegen hörte sich die Musikstücke immer komplett an, um etwaige technische Mängel feststellen zu können. Er bestand darauf, das zu unterlassen. Ergebnis: Vor wenigen Tagen wurde ein Musikstück gespielt. Mittendrin Ausblende – und eine sanfte Stimme erklärt, daß das Copyright von diesem und anderen Musikstücken bei der und der Produktionsfirma liegt.

Sonntag, 6.11.

Ich wandere im Studio umher und befrage unsere Trainees, welche Programme so weit vorbereitet sind, daß sie in der kommenden Woche aufgenommen und produziert werden können. Ich mache eine entsprechende Liste. Wir haben zusätzlich ein Auto gemietet, um das Transportproblem zu lösen und den Kursteilnehmern die Möglichkeit zu geben, ihre Stories, die sich zwangsläufig nicht alle in Jericho zutragen, auch realisieren zu können.

Montag, 7.11.

11 Uhr Jour Fixe aller Kursteilnehmer. Wir sind dabei, den Wochenplan festzulegen. Martha erklärt anhand ihrer Notizen detailliert die Gründe, warum der erste Probelauf von Instant-Radio[4] gründlich fehlgeschlagen ist. Montag, Dienstag und Mittwoch sollen für die einzelnen Programmbausteine von Instant-Radio erneut Aufnahmen gemacht werden. Bashar und ich stehen mit je einem Auto für den Transport zur Verfügung. Ab Mittwoch sollen die Beiträge, Stücke zwischen 5 und 30 Minuten, im Studio endproduziert werden.

Rrrums, da fliegt die Türe auf und herein stürmt Radwan[5], die gesamte PBC-PR-Abteilung, Herr und Frau Konzelmann[6], ein Premiere-Fernsehteam, Kamera auf der Schulter – ja, was geht denn hier ab? Die Wienerin, die das Premiere-Team kommandiert, starrt mich an und näselt, was ich denn hier mache. Ich gebe wie gewohnt kurz Rapport. "Na, da müssen wir ja gleich nochmal miteinander reden." Herr Konzelmann – "Freilich, freilich" – strahlt über alle Backen, zwei PBC-Direktoren packen mich am Arm und raunen mir zu, ob das nicht eine gute Gelegenheit wäre, das Studio, das offiziell noch den deutschen Geldgebern gehört, der PBC zu übergeben, sie würden dann nur eben schnell noch etwas Saft und Kekse besorgen. Eine Konzelmann-Studio-Übergabe, na, das könnte so passen; ich werde richtig grimmig, lasse mir aber natürlich nichts anmerken. Ich werfe die Autoschlüssel zu Martha hinüber, sie erkennt blitzschnell die Lage, hier brennt etwas an, wenn wir nicht gleich intervenieren, und wir müssen wie in solchen Fällen üblich die Kursteilnehmer samt Trainingsplan stehen und liegen lassen. Also ran an den Schmerbauch. "Ja, freilich, freilich." – "Guten Tag, darf Ich mich vorstellen, mein Name ist Robert Krieg, ich leite hier zur Zeit das Ausbildungsprogramm." – "Ach, Sie sind das, ja freilich, freilich, ich hab Ihren Namen schon gehört." Frau Konzelmann macht Notizen. Die Premiere-Frau will eine Konzelmann-Nahaufnahme. Der betatscht gerade den Mixer, und ich versuche Radwan zu fragen, warum man hier eigentlich nie informiert wird. Radwan antwortet: "Du mußt unbedingt zum Lunch mitkommen. Was, Du kannst nicht? Gib den Trainees doch irgendeine andere Aufgabe!" – Ich nutze die Zeit und erkläre Frau Konzelmann, welche Institutionen bei sexy Radio Palestine in Sachen Ausbildung bereits am Ball sind. Frau Konzelmann notiert. Eigentlich hätten sie, erzählt sie, einen sechsmonatigen Aufenthalt in Palästina geplant, um den Laden mal richtig in Schwung zu bringen. "Aber darüber waren wir nicht informiert, was hier schon läuft, da müssen wir ja doch jetzt genauer überlegen, ob das alles so richtig ist mit unserer Idee hierherzukommen." Wir zwängen uns alle in die überfüllte Direktionsstube, um möglichst authentisch von der Premiere-Kamera abgeschwenkt zu werden. Rede Radwan, Rede Konzelmann: "Ich bin schon immer ein Palästinenserfreund gewesen". Schwenk, Zoom, ver-dichten, Schnittbilder. "Herr Konzelmann, bitte zum Interview!" Hier fühlt man sich doch fast wie bei einem Heimspiel, hier kann das von Plagiatvorwürfen gebeutelte Ego wieder aufpoliert werden. Die Wienerin assistiert. Wer weiß, vielleicht Herr Konzelmann demnächst bei Premiere als Nahostspezialist?

"Was wird hier eigentlich gespielt?", fragt Costas[7] am Abend im American Colony [8]. Offensichtlich wollen die Deutschen die Palästinenser im Teile-und-Herrsche-Spiel noch überholen. Bayern München gegen VFB Stuttgart. Der Bayerische Rundfunk hat seinen Korrespondenten in Israel und will ihn auch in Palästina einsetzen. Der Süddeutsche Rundfunk hat seinen Korrespondenten in Amman und will ihn ebenfalls in Palästina einsetzen. Wer kriegt was vom Kuchen der Berichtsgebiete ab? Rechtsaußen Konzelmann soll für Feldüberlegenheit sorgen. Es geht um Geld und Kompetenzenverteilung in der ARD.

Donnerstag, 10.11.

Letzter Arbeitstag von Martha. Alle sind traurig, alle haben Martha ins Herz geschlossen. Basim und Radwan wünschen sich, daß Martha beim nächsten Ausbildungskurs wieder dabei ist. Buchstäblich im letzten Augenblick haben die Kursteilnehmer die von Martha gesetzte Aufgabe, jeder für sich ein Einzelprogramm, als Kleingruppe ein Tagesprogramm und alle zusammen ein Wochenprogramm vorzubereiten, mehr oder weniger zufriedenstellend ausgeführt. Bashar ist seit Mittwoch dabei, die aufgenommen O-Töne und Interviews technisch zu bearbeiten und als Beiträge für das Radioprogramm im Studio endzufertigen.

Dienstag, 15.11.

Nationalfeiertag der Palästinenser. Die ganzen letzten Tage wurden fieberhaft Programme für diesen Tag produziert, der heute zum ersten Mal gefeiert wird, und das Radio ist seit dem frühen Morgen auf Sendung. Ich schalte ein und möchte am liebsten nach einer halben Stunde wieder abschalten, so unerträglich ist das Pathos und das nationalistische Gehabe. Schon häufiger habe ich mich gefragt, was schottische Dudelsackpfeifen mit dem Nationalgefühl der Palästinenser gemein haben. Sie erklingen in jedem dritten Song, dazwischen die pathostriefende Stimme Yousefs[9]. Um die schöne Stimmung nicht durch bissige Bemerkungen zu versauen, verkneife ich es mir, nach Jericho hinunterzufahren.

Spätnachmittags ruft mich Julia an, die Reportagen für die taz schreibt. Sie will mich auf eine Geburtstagsparty mitnehmen. Das Ganze findet im American Colony statt. Ich stehe auf einem kleinen Platz in der Altstadt Jerusalems an der breiten Treppe, die zum Damaskus-Tor hinaufführt, und warte auf Julia, die gleich um die Ecke wohnt. Der vom Regen feuchte Jerusalemer Stein des Straßenpflasters glitzert und funkelt im Licht der gelben Straßenlaternen. Der Lärm des Tages, das Rufen der Lastenschieber, die sich mit ihren schwerbeladenen Karren eine Gasse durch das bunte Gemisch von Hausfrauen, frommen Touristen und Flaneuren bahnen, ist verklungen. Weiter oben fällt grelles Neonlicht aus der halbgeschlossenen Tür eines Kaffeehauses, und vereinzelt glaubt man die Stimmen der kartenspielenden Männer herauszuhören. Ein halbwüchsiger Junge, an der Hand seine kleine Schwester, beide schon in Schlafanzügen, mit Pantoffeln an den nackten Füßen, taucht aus einer Seitengasse auf und steuert zielstrebig auf einen Süßigkeiten-Verkäufer zu, der im Schutz einer Hausmauer seinen fliegenden Stand für Nachtschwärmer aufgebaut hat. Drei bis vier junge Männer lungern herum. Nach einigen abschätzigen Blicken scheinen sie sich an meine Gegenwart gewöhnt zu haben und wenden sich wieder ihrem Gespräch zu. Ich versuche mich so unsichtbar wie möglich zu machen und stelle mir gerade vor, was sich hinter den dicken Steinmauern an Lebens- und Liebesgeschichten, Dramen und Belanglosigkeiten abspielt, da taucht Julia aus ihrer Gasse auf.

Das Geburtstagskind heißt Lamia Lahoud. Wir brauchen nicht mehr miteinander bekannt gemacht zu werden. Sie arbeitet als israelische Journalistin regelmäßig in den palästinensischen Gebieten und hat in der Jerusalem Post einen sehr kritischen Artikel über unser Projekt geschrieben. Sie trägt einen hautengen langen schwarzen Rock, der seitlich bis zur Hüfte hoch geschlitzt ist. Der knappsitzende weiße Pullover betont ihren Busen. Sie begrüßt mich wie einen guten Freund. Ich bin schon jetzt sicher, daß es ein amüsanter Abend werden wird. Die Abendgesellschaft besteht überwiegend aus israelischen und deutschen Journalisten und dem einen oder anderen Geheimagenten. Neben mir sitzt ein zarter kleiner Mann mit langen, samtenen Augenwimpern und einem schmalen gebräunten Gesicht, das eine gewisse Melancholie ausströmt. Captain Daniel Seaman ist ein klassischer Offizier für Sicherheitsangelegenheiten. Die übliche israelische Karriere, um sich zu einem Mann für besondere Gelegenheiten zu qualifizieren: Fallschirmspringer-Elite-Bataillon, eine lange Agenda von Spezialeinsätzen in arabischen Ländern. Sein Aussehen prädestiniert ihn dazu. "In Ägypten schnauzten mich Polizisten auf arabisch an", erzählt er. "Auch mein amerikanischer Paß konnte sie nur schwer davon Überzeugen, daß ich kein Ägypter bin." Daniel Seaman spricht ein amerikanisches Englisch ohne Kaugummi-Nasallaute. Seine Großeltern sind deutschstämmig (Seaman=Seemann?) und haben sich in Pennsylvania angesiedelt, weil "sie das so an Ihre deutsche Heimat erinnert''. Daniel ist in Frankfurt geboren. Sein Vater war Offizier bei der US-Army. Angeregt erkundigt er sich nach meiner Tätigkeit. Zwischendurch eine kleine Bemerkung über seine relativ schlechte Bezahlung als Pressesprecher der israelischen Armee. Ich soll doch unbedingt mal auf einen Plausch in seine Dienststelle kommen. Ich kann auch ruhig ein paar unserer Kursteilnehmer mitbringen zum gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernen. Er erzählt mir vom Golfkrieg. Von einem amerikanischen Kollegen, der für die Army mit der Videokamera die Kriegsereignisse dokumentiert hat und inzwischen als hochbezahlter Korrespondent für CNN arbeitet. – "Und da sitze Ich mit meiner schlechten Bezahlung als Verbindungsoffizier bei der IDF herum!" Lamia schenkt uns ein strahlendes Lächeln und freut sich ganz offensichtlich über unsere angeregte Unterhaltung. Julia hat sich in ein Gespräch mit der deutschen Journalistin vertieft, die für die FAZ und Süddeutsche schreibt. In der ganzen Runde ist weit und breit kein einziger Palästinenser zu sehen.

Freitag, 18.11.

Bashar fährt allein nach Jericho. Ich gehe für einige Einkäufe in den Westteil Jerusalems. Auf dem Rückweg bleibe ich bei einem improvisierten Live-Act am Fuß der Ben-Yehuda-Straße stehen. Die Sonne scheint warm, die Luft ist kalt und klar. Die Band spielt Funk-Musik; ein Mädchen, das schon eine Zeitlang neben mir gestanden hat, wirft plötzlich Jacke, Pullover und Umhängetasche ab und legt eine wilde Performance auf dem Platz hin. Sie ist sehr hübsch, und es macht Spaß, ihr zuzuschauen. Der kleine dicke Mongoloide, der sonst in traditioneller Tracht durch die Souks der arabischen Altstadt läuft und seinem Vater, der einen Gewürzladen betreibt, ein wenig aushilft, sitzt heute im Lumberjack mitten unter den Zuschauern und wippt im Takt mit. Auf dem Kopf trägt er eine amerikanische Baseballmütze mit dem Schirm nach hinten. Offenbar haben von der arabischen Seite nur die harmlosen Irren Zutritt zu den kleinen Alltagsvergnügungen, auf die jeder Jugendliche – egal, ob Palästinenser oder Israeli – scharf ist. Ungefähr zur gleichen Zeit beginnt das Gemetzel in Gaza.

Die letzten Tage waren vom radiojournalistischen Standpunkt aus gesehen eine Katastrophe. Wenn das der zukünftige Standard von VoP werden sollte, müssen wir unsere Zelte abbrechen, da sich die Unterstützung eines parteipolitischen Propagandasenders nicht mehr rechtfertigen läßt.

Ich habe angefangen, das Romanfragment "Petrolio" von Pasolini zu lesen. Dabei bin ich auf einen Abschnitt gestoßen, in dem er die Rekonstruktionsphase des italienischen Staates nach der Überwindung des Faschismus beschreibt. Die neuen Herren rekrutieren sich in beträchtlicher Anzahl aus dem antifaschistischen Widerstand, es sind Resistance-Kämpfer, die aus den Bergen zurückgekehrt sind. Und nun möchten sie ihren Anteil. Sie haben in den Wäldern gekämpft, dem Tod entgegengeblickt, sich foltern lassen für ein gemeinsames Ziel. Aber dieses Ziel, die Niederkämpfung des Faschismus, war nur ein Teil der Geschichte. Daneben wuchs parallel zu den Entbehrungen der Anspruch, seinen Anteil geltend machen zu wollen, wenn der Tag der Entlohnung gekommen ist. Pasolini beschreibt, wie die ehemaligen Kämpfer aus den Bergen Schlüsselpositionen in der vom Staat kontrollierten Industrie besetzen und sich so die Basis für die Anhäufung privater Imperien schaffen, die bis heute die italienische Politik mitbestimmen. Die Parallele mit Palästina drängt sich auf, obwohl die Prämissen nicht übereinstimmen. Auch hier kehren die alten PLO-Kämpfer aus dem Exil mit sehr ähnlichen Ansprüchen zurück und fühlen sich wahrscheinlich sogar im Recht, wenn sie innerhalb kürzester Zeit den eben erst aufkeimenden palästinensischen Staat korrumpieren. Sie glauben, sich dieses Recht durch jahrzehntelange, entbehrungsreiche Kämpfe in der Diaspora erworben zu haben. Es wiederholt sich die ewig gleiche Geschichte der revolutionären Bewegungen, die gegen Korruption nicht gefeit sind und der Sucht nach persönlicher Vorteilnahme erliegen. Joel Tandler, der alte jüdische Schreinermeister, erzählt von einer befreundeten Genossin und Abgeordneten des südafrikanischen Nationalkongresses: Ihre größte Angst sei die Gefahr der Korruption durch die Macht und damit der Verlust des moralischen Anspruchs, der den Nationalkongress und seinen Führer Mandela zu Hoffnungsträgern im von Ausbeutung, Korruption und AIDS geschüttelten schwarzafrikanischen Kontinent macht.

Mitten im Schreiben dieser Zeilen erhalte ich einen Anruf von Bashar. Im Gaza ist die Hölle los. Nach dem Freitagsgebet ist es zu einer wilden Schießerei zwischen Hamas-Anhängern und der palästinensischen Polizei gekommen. Es bleibt noch im Unklaren, wer angefangen hat. Ich schalte den kleinen Fernseher an und sehe die Menschenmassen durcheinanderstürzen, fallen; ein Verwundeter, der die Arme kerzengerade nach oben streckt, wird davongeschleppt. Mich erinnern seine steifen Arme an getötetes Vieh am Straßenrand in Kriegsgebieten. Bilder aus Beirut drängen sich mir auf. Ich verstehe kein Wort von dem, was gesprochen wird, und krieche förmlich in den beschissen kleinen Monitor hinein, um den Mangel an Sprache durch die Bilder wettzumachen. Ein alter Mann mit einem Fez auf dem Kopf steht völlig ungeschützt auf einem weiten Platz mit dem Rücken zur Kamera, eine Anzahl Jungen hasten an ihm vorüber. Beschwörend hebt der Alte die Arme in die Richtung, aus der die Kalaschnikows spucken. Er scheint unverwundbar zu sein. Wütende Männer rütteln am meterhohen Maschenzaun des palästinensischen Polizeipräsidiums und ehemaligen israelischen Hauptquartiers und brechen einzelne Stangen heraus. Zwei palästinensische Polizisten auf dem Dach schießen scharf. Bilder im Kopf. Die amerikanische Botschaft in Saigon. Wird auch Arafat einen Hubschrauber vom Dach nehmen müssen? Gerüchte von einem geplanten Attentat auf Arafat kursierten schon vor Tagen in der Radiostation. Ich muß unwillkürlich darüber nachdenken, wo er sich wohl gerade befindet. Sein derzeitiges Hauptquartier am Strand von Gaza-Stadt ist eine bessere Bretterbude. Mit einem Lastwagen voller Dynamit würde man durch Zäune und Wände brechen und Mensch und Gestein ins Mittelmeer blasen.

Julia ruft an. Die taz sitzt natürlich auch schon am Trigger. Nach Gaza wollen sie sie schicken. Gleich morgen. Ich will sie davon abhalten, ich weiß aber nicht die richtigen Worte, die überzeugen könnten. "Ich hab schon Angst", gesteht sie etwas kleinlaut. "Laß dich bloß nicht erschießen, du wirst noch gebraucht." Leere Worte, die sarkastisch klingen sollen, aber eigentlich nur meine eigene Hilflosigkeit dokumentieren. Bashar ruft wieder an. Diesmal fragt er mich, ob ich nicht mitkommen möchte, er hat ein paar deutsche Freunde zu Besuch und will ihnen Jerusalem zeigen. "Was willst Du denen denn zeigen, heute hat doch eh alles geschlossen." "Ach, dann fahren wir einfach ein bißchen durch die Stadt." Ich lehne dankend ab. Wieder einmal erlebe ich am Beispiel von Bashar die unglaubliche Fähigkeit der Palästinenser, alles oder fast alles zu verdrängen, ohne die ein mentales oder psychisches Überleben wohl kaum vorstellbar wäre. Im Fernsehen Hanan Ashrawi. Sie kommentiert die Vorfälle im Gaza. Sicher ist alles richtig, was sie sagt, und ich kann wahrscheinlich jedes Wort unterschreiben, aber zugleich werde ich das Gefühl nicht los, daß sie über ihre Volksgenossen im Gaza wie über Lebewesen von einem anderen Stern spricht. Gestern nachmittag hatte mich Radwan auf dem Nachhauseweg zur Blauen Stunde eingeladen. Bei einem Whisky in einem Ostjerusalemer Café wurde wie üblich über Arafat und den Gaza gewitzelt. Bangladesch wie Gazadesh. Alle lachten, ich lachte mit.

Die Bedrängnisse dieses Volkes – nirgendwo kannst du sie deutlicher spüren als im Gaza, diesem Vorhof zur Hölle, auf den 1948 ein ganzer Küstenstreifen lebendiger palästinensischer Dörfer und Städte südlich von Tel Aviv mit Waffengewalt zusammengeschnurrt wurde. Und jetzt die Machiavellis aus Tunis, die plötzlich das Sagen haben. Da implodiert etwas, das sieht man in den sich verdunkelnden Augen Hamzahs[10], der sein ganzes Leben darauf getrimmt wurde, mit dem Verstand auf das erlittene Unrecht zu reagieren. Sein in den Wahnsinn geflohener Vater – einst ein wohlhabender Bauer dort, wo heute Ashdod liegt und die braunen Kinder äthiopischer Einwanderer mit Mandelaugen durch die zerborstenen Zäune verrotteter Ferienanlagen lugen – sitzt mit mildem Lächeln vor dem Fernseher und zappt sich durch die israelischen und ägyptischen Programme. Die noch aus osmanischer Zeit stammenden Urkunden über seinen Landbesitz bei Ashdod liegen vergilbt im Küchenschrank. Da ist es wieder, das Chaos im Kopf, das Hamzah keinen klaren Gedanken finden läßt inmitten eines unsäglich stinkenden Lagers, im dicht besiedeltsten Flecken der Erde, in dem die Scheiße frei über die Straße fließt, irgendwo versickert und die Cholera eigentlich ein ständiger Gast sein müßte. Das explodiert, das läßt sich dann nicht mehr aufhalten durch eiserne Mütter, die sich angesichts des verrückt gewordenen Ehemannes Ruhe verordnet haben, um die Kinder für eine bessere Zukunft großzuziehen. Für welche bessere Zukunft eigentlich? Im Fernsehen erlebe ich plötzlich, daß diese Lichtmeilen, die Tel Aviv von den nur 30 Kilometer entfernten palästinensischen Gebieten zu trennen scheinen, sich nunmehr auch zwischen dem Gazastreifen und dem Westjordanland auftun, zwischen den Menschen in den Flüchtlingslagern, die nichts mehr zu verlieren haben, und der bürgerlichen Klasse, die für ihren Besitzstand kämpft.

"Waiting for you to hear my song.... This is the strangest life I have ever known.... Waiting for the sun..." Unsterbliche Doors aus dem Kopfhörer meines Walkmans, die mich beim Schreiben am Laptop begleiten. Ich habe schon lange nicht mehr so deutlich gespürt, wie mir die Hände gebunden sind, wie ich mir mit aller Macht wünsche, politisch eingreifen zu können, und sich die Dinge doch ganz anders entwickeln, als ich sie gern hätte. Ich starre wie blind zum Fernseher hinüber.

Blonde Animiermädchen in einer Bar in Tel Aviv. Russische Pässe in Großaufnahme. Die Kamera hastet einem Mann in Turnhose hinterher, der in Handschellen abgeführt wird und sich sein Unterhemd übers Gesicht gezogen hat. Die Strandpromenade von Tel Aviv. Ein Polizeirevier. Pornofotos auf dem Tisch. Eine Frau identifiziert die Mädchen. Sie spricht russisch. Die Kameraführung ist hervorragend. Ein israelischer Depardon[11] war da am Werk, der uns in 6 Minuten durch die russisch-jüdische Mafiawelt von Tel Aviv führt.

Abspann, ein neuer Film. Eine marokkanisch-jüdische Frau klagt über entwürdigende Wohnverhältnisse. Der Kameramann hat ein genaues Gespür für ihre Erzählung. Er schwenkt im richtigen Augenblick zu ihrer Mutter hinüber, die abwartend im Hintergrund steht, Schnitt ohne Montage am Schneidetisch. BBC-Dokumentarfilm-Perfektion. Auch im Laufschritt geht das Zentrum des Bildes nicht verloren. Die Israelis sezieren ihre Gesellschaft und deren Opfer mit Präzision und entwaffnender Offenheit. Welch ein Widerspruch zu den flachen nationalistischen Slogans, der Marschmusik und den Nationalschnulzen, die am Nationalfeiertag der Palästinenser 15 Stunden lang aus unserem Studio in Jericho den Äther beleidigt haben. Welche Dummheit, unter den Augen israelischer Fernsehkameras frischgebackene palästinensische Polizisten durch brennende Reifen springen und sie dabei "Wir ziehen nach Jaffa, wir ziehen nach Haifa!" singen zu lassen.

Wie ein Refrain kehren in der endlosen Flut der Bilder die immer gleichen Szenen wieder: 1981, ich filme in Rashediye, dem südlichsten Palästinenserlager im Libanon. Halbwüchsige Jungen überspringen brennende Autoreifen und weichen den scharfen Schüssen ihres kaum 25 Jahre alten Ausbilders aus, deren Einschläge kleine scharfe Spuren im Sand aufwerfen. Die Feiern zum palästinensischen Nationalfeiertag bestätigen mir erneut meine Distanz zu den Warlords, die nur das Kriegführen gelernt haben und deren Lippenbekenntnisse für ein demokratisches Palästina die Tore der Weltbank öffnen sollen.

Schnitt. Hebron. Mitten in der Altstadt 40 extremistische jüdische Familien, die von 1.500 Soldaten bewacht werden. Meterhohe Betonwälle um die Häuser, eine kleine Pforte mit Metalldetektor wie am Flughafen. Bärtige fanatische Männer. Siedlerfrauen, die ihre Kleinkinder wie Trophäen mit sich führen. Schnitt. Eine Prügelei zwischen nicht-religiösen und religiösen Juden, die mit Gewalt eine große Durchgangsstraße in Jerusalem sperren wollen. Sie fühlen sich in ihrer Shabbat-Ruhe gestört.

Es ist spät geworden. Die alten jüdischen Shabbat-Gesänge aus der Wohnung unter meinem Fenster sind verstummt. In den Spätnachrichten tragen entfesselte Volksmassen noch einmal die Toten des Tages vorüber. Ich schalte den Fernseher ab. Über meinen Computermonitor jagen lautlose Kampfflugzeuge, die unsichtbare Bodenziele angreifen.

Samstag, 19.11.

Vergeblich versuche ich Hamzah zu erreichen. Alle Telefonleitungen nach Gaza sind blockiert. Ich versuche es bei anderen Freunden und Bekannten im Gazastreifen. Ebenfalls kein Durchkommen. Obwohl man sich doch so nah am Ort der Geschehnisse befindet, ist man seltsam abgeschnitten und unfähig, öffentliche Medien als Informationsquelle zu benutzen.

Ich fahre ins Radiostudio. Mustafa[12], der Martha abgelöst hat, trainiert nun das Sprechen und Moderieren im laufenden Sendebetrieb. Er nimmt Sprechproben auf und korrigiert sie. Bashar versucht nebenbei eine Gruppe aufzubauen, die sich mit der Wartung und Reparatur der Geräte befassen soll. Abends fahren wir zusammen nach Jerusalem hinauf, und ich besuche mit Ghada eine Theatervorstellung. Zwei Palästinenserinnen und zwei Israelinnen haben ein Stück über das unterschiedliche Frau-Werden in ihren Gesellschaften produziert. Gespielt wird in einer ehemaligen Fabriketage im Südwesten Jerusalems. Großstadtambiente im 4. Stock einer stillgelegten Fabrikanlage. Eine Studiobühne mit gemütlichem Café und vier Biersorten am Faß! Das gibt es sonst in ganz Jerusalem nicht. Es ist wohltuend, diese kleinen Inseln der Andersartigkeit zu entdecken, die die Siedlermentalität durchbrechen, die mit der Entwicklung des Großraums Jerusalem – der durch sogenannte facts on the ground nie mehr verhandelbar sein wird – immer mehr um sich greift. Das Stück wechselt ständig zwischen den Sprachen Englisch, Arabisch und Hebräisch. Im Hin und Her zwischen der arabischen, israelischen und nordamerikanischen Kultur spiegelt sich die Zerrissenheit der beiden Völker wider.

Mittwoch, 23.11.

Morgens gehen Mustafa und ich zu Radwan. Radwan nötigt Mustafa, nicht nur als Sprechtrainer zu arbeiten, sondern auch Programme zu produzieren, die direkt auf Sendung gehen sollen. Mustafa hat als Palästinenser ungleich mehr Möglichkeiten als Martha. Die Studios stehen ihm so lange zur Verfügung, wie er sie braucht. Doch seit Dienstag gilt die Anweisung aus Gaza, ein präsidentenfreundliches Programm zu machen. Das heißt: Kompletter Stop des bisherigen Programms. Jetzt ist die große Stunde von Yousef gekommen. Er sitzt den ganzen Tag allein vor dem Mikro und schwadroniert über den "Nationalstolz seines Volkes". Auszug aus 0-Ton Yousef. "Guten Morgen, Ihr Bauern aus Jenin, Ihr seid es, die die Ähren des palästinensischen Boden pflegen." Marschmusik Aufblende, Marschmusik Abblende. Yousef: "Guten Morgen, Ihr Studenten aus Nablus, Ihr kämpft mit dem Buch in der Hand für die akademische Zukunft unseres Landes, ihr seid ein Wohlgefallen für unseren Präsidenten." Marschmusik... "Guten Morgen, ihr Hausfrauen aus Bethlehem. Ihr seid der Hort unseres Volkes, das gemeinsam mit unserem Präsidenten um seine Unabhängigkeit ringt." Marschmusik... Ich starrte beim Frühstück den kleinen Weltempfänger an und traute meinen Ohren nicht.

Donnerstag, 24.11.

Yousef geht allmählich der Stoff aus. Er weiß nicht mehr, wen er noch alles begrüßen soll. Die Dudelsackbläser scheinen inzwischen auch dem eingefleischtesten Fatah-Menschen unter den Radiomitarbeitern auf den Zwirn zu gehen. Die Tontechniker starren gegen die Decke. Es ist ohnehin nur immer wieder dasselbe Musikband einzulegen. Die Journalisten lungern ums Haus herum. Einige der besten Sprecher haben sich unter fadenscheinigen Vorwänden aus dem Staub gemacht. Sie wollen auf keinen Fall mit der Sendung identifiziert werden. Yousef ist nicht heiser zu kriegen. Eine devote Ein-Mann-Show, die den stündlichen Segen auf den selbsternannten Präsidenten herunterbittet. Doch welch seltsame Reaktion beim "Volk". Plötzlich ertönt VoP aus den Schumacherwerkstätten und Gewürzläden in den Gassen der Altstadt. Dudelsackmusik total. Da kommt man doch ins Grübeln. Vielleicht ist das ja genau das Radio, was den Leuten noch gefehlt hat. Die Informationen können sie über Radio Israel beziehen, die Unterhaltung kommt aus Kairo, der Imam spricht aus Amman – was es bisher noch nicht gab, war Yousef, die Stimme des Herrn, die die gedemütigte Seele labt. Der Radiodirektor Basim verbarrikadiert sich in seinem Zimmerchen und schweigt intensiv. Das einzig Gute: Für Bashar und Mustafa gibt es keine zeitlichen und räumlichen Probleme, ihre Ausbildung durchzuführen.

Freitag, 25.11.

Immer noch Ausnahmezustand im Radio. Begründung: Verhinderung von gewalttätigen Ausschreitungen nach dem Freitagsgebet. Kostprobe Yousef. "Wir (wen meint er – das Radio?) werden nicht zulassen, daß die Moscheen für Aktivititen gegen die Einheit des Volkes mißbraucht werden!" Das Radio ist endgültig zum Pressesprecher der PNA verbogen worden. Nachmittags taucht Radwan auf und murmelt, wann denn endlich dieses entsetzliche Programm ein Ende hat. Angeblich soll ab Samstag wieder normal gesendet werden. Aber die Zeichen sind gesetzt.

Abends treffe ich mich mit Joel und Edda[13]. Wie immer ein schöner Abend – Es gibt russische Eier, einen Mayonnaisesalat, Avocado, Schinken, trockenen Weißwein. Edda pflegt eine Mischung aus kroatischem Schnaps und Wasser zu trinken. Und natürlich das kleine Ritual, wieviel Wein Joel trinken darf, weil er mich ja nach Hause bringen muß. Sie sind verkabelt, und ich kann kurz die deutschen Nachrichten anschauen. Wir sprechen – unvermeidlich – über Jugoslawien. Edda:

"Die Serben waren immer nationalistisch gesinnt Als sie nach dem Krieg aus den Bergen kamen, konnten sie als Gewinner ihre Herrschaft über ganz Jugoslawien ausdehnen Der Kommunismus war für die meisten nur das Mittel zum eigentlichen Zweck. Deswegen auch der sozialistische Sonderweg Jugoslawiens. Nun kämpfen sie emeut um ihren Einfluß im gesamten Gebiet. Was mich aber am meisten betroffen macht, ist, daß eine über 40jährige Erziehung zum Sozialismus nicht verhindern konnte, daß derartige Ungeheuerlichkeiten passieren."

Donnerstag, 1.12.

Nachmittags fahre ich nach Tel Aviv, um Hans und Tosca Lebrecht[14] zu besuchen. Ich frage die beiden, was an der Konspirationstheorie der PNA dran ist, daß in Gaza-Stadt Kollaborateure mit Dum-Dum-Munition geschossen haben, um die Auseinandersetzungen anzufachen. Hans wiegt nachdenklich mit dem Kopf. Tosca geht einen phantastischen Heringssalat machen. Ein altes jüdische Rezept von ihrer Mutter. Hans:

"Ich traue ihnen wirklich alles zu. Es gab in den 50er Jahren das berüchtigte Fallschirmjäger-Elite-Bataillon 101; rate mal, wer der Kommandeur war: Ariel Sharon. Diese Leute haben Greulichkeiten durchgeführt, die bis heute unbekannt sind, obwohl sie schon einiges in Büchern zum Besten gegeben haben. Das ist in internen Knesset-Anhörungen offenbar geworden, die bis heute unter Verschluß sind. 1959 wurde ein Bus auf der Strecke Tel Aviv-Eilat im Negev von Arabern überfallen und zahlreiche Menschen getötet. Als Rache wurde wenige Tage später ein Dorf in Jordanien überfallen und viele Einwohner ermordet. Diese vermeintlichen Araber, die den Bus angegriffen haben, waren Soldaten der 101-Einheit. Du siehst, man muß mit allem rechnen."

Auf der Rückfahrt im Bus lese ich in einer kleinen Broschüre über den Lebensweg von Toscas Schwester, die als Angehörige des Mädchenorchesters Auschwitz überlebt hat. Mir gegenüber sitzt ein gemütliches, jiddisch sprechendes Paar, das Matzen-Brot knabbert. Der Kerl neben mir mit Kippa, ich schätze, ein frustrierter Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR, kann seine Beine nicht bei sich behalten. Es entwickelt sich ein häßlicher Disput. Wieviel Wut versteckt sich unter der dünnen Oberfläche dieser Gesellschaft. Auf der anderen Seite hält ein gravitätischer orthodoxer Jude mit schützender Hand seine kleine Tochter fest, die selig schlummert. Die Hand ist fast so groß wie der kleine Rücken.

[1] Martha Hawley aus den USA stammend, arbeitet bei Radio Hilversum als Radioredakteurin; Bashar Shammout, Palästinenser, arbeitet als Tonmeister bei einer deutschen CD-Produktion.

[2] Basim Abu-Sumayah, Generaldirektor von Voice of Palestine.

[3] Bassam Douglas, Leiter der Studiotechnik von Voice of Palestine.

[4] "Instant Radio" war ein wöchentliches Programmschema, das während des Ausbildungskurses entwickelt wurde.

[5] Radwan Abu Ayasch, Gründer und Leiter der PBC

[6] Gerhard Konzelmann, langjähriger Korrespondent der ARD

[7] Rudolf Rohlinger, auch "Costas" genannt, früher Redakteur beim WDR, arbeitet heute als Ausbilder und Berater in Projekten der Friedrich-Ebert-Stiftung

[8] Das American Colony ist ein altes Haus und Restaurant im palästinensischen Teil Jerusalems, bei Israelis und Palästinensern sehr beliebt als "neutraler" Treffpunkt.

[9] Yousef S. hat früher im Auftrag der PLO einen Radiosender in Algerien betrieben.

[10] Hamzah Zaqqout arbeitet als Kameramann im Gazastreifen.

[11] Raymond Depardon, französischer Dokumentarfilmer.

[12] Mustafa Isaid, Palästinenser, arbeitet bei der Deutschen Welle in Köln.

[13] Edda und Joel Tandler, kroatische Juden, 1939 nach Palästina ausgewandert.

[14] Tosca und Hans Lebrecht, deutsche Juden, 1938 nach Palästina ausgewandert.

Robert Krieg

Aus: Soziologie im Minenfeld. Hrsg.: Christine Idems / Matthias Schoormann, 2000
SeitenanfangImpressum